aus: Farbe der Schatten

Mein Vater blieb lange dünn. Oft stand er am Fenster und nun schien es mir, als träume er nach draußen. Frieda sagte: „Er denkt noch an Frankfurt.“ Meine Mutter war sehr nett zu ihm und sagte viel mehr als sonst. Frieda sprach von der Macht des Geldes, wie sie auch den frommen und ordentlichen Mann übervorteile, ihm jede Idee raube, um ihn arm und gleichgültig zurückzuwerfen, und sie sagte: „Er wird sich erholen!“ Und es hörte sich für mich alles nach langer Krankheit an.

Mein Vater erzählte nun manchmal auch, wie die Soldaten geschmort, damals in der maurischen Wüste, und daß winzige Fliegen Malaria machten, und ab und zu fiel er ins Bett und zitterte und stöhnte, daß das Bett wackelte, und er niemanden erkannte in seinem Krampf, und Frieda sagte: „Das ist der Preis des Krieges!“ Und ein Mann hieß Rommel und narrte die Engländer, schlau wie der Fuchs sei er gewesen, und der Führer gab ihm Gift, „was für ihn noch das Beste war“. Dann starb auch der Führer mit seiner Frau. Verging benzinübergossen in Berlin. Und Frieda sagte: „Du erzählst nichts davon! Keinem. Hörst du?“ Und ich nickte schnell und schrie in der Nacht laut nach Frieda.

Manchmal sprach mein Vater auch vom Land meiner Mutter. Der heißhohen Sonne, dem Mergelboden, der als Staubfahne über den Äckern und den ungepflegten Wegen hing, den Häusern und Eingängen ohne Ordnung, alle fünf Schritte zerfallene Tempel, so eine Art alter Kirchen, in denen kleine, scheumagere Katzen durch die Säulen- und Trümmerreste strichen. Und fast alle Männer in nachlässiger Kleidung, mit schiefgelaufenen Absätzen, schmuddeliger Hand. Wenn ich manchmal meine Dinge, die ich im Gebrauch hatte, nicht wegpackte oder die Schuhe verpurzelt nebeneinander standen, in der Schultasche alles durcheinander lag, sagte mein Vater, ich sei wie die dort unten. Und ich erkannte mich in einer Gesellschaft bräunlicher Menschen, die, kurzbeinig, unter Bäumen lagerten, jeder so um die fünf Apfelsinen am Kopfende, im Schatten schlafend. Die nur unwillig arbeiteten und keine Ordnung kannten. Und mir grauste vor nur Apfelsinen, und ich wunderte mich wieder über das Land meiner Mutter.

Wenn aber meine Mutter erzählte, war es von einem Meer, das blau und ruhig unter immer wolkenfreiem Himmel lag, von Menschen, die das Wasser kannten, die Fische, die schroffen Berge, und sie erzählte von den alten Männern, deren Worte heute noch gelten, und sagte einige Vornamen. Und einer hieß Aischylos und kam aus ihrem Dorf.

Gerrit Bekker
Farbe der Schatten, S. 65-67
Frankfurt am Main 1992